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Heute habe ich meine Tochter so sehr angeschrien, dass im 10 Km-Umkreis jetzt alle ihre scheiß  Homeschoolingaufgaben machen!

Nur meine Tochter nicht!

Seit Wochen – ach was – seit Monaten stehe ich fast täglich vor der Frage, wie ich meine Kinder dazu bewege ihre Homeschoolingaufgaben – zumindest zu einem erträglichen Teil – zu erledigen. Mein Sohn erledigt seine Aufgaben – zu meinem Erstaunen und mit Erinnerung meinerseits – zum Großteil. Meiner Tochter hingegen fällt es unglaublich schwer, sich überhaupt ranzusetzen. Aufgrund unserer recht heiklen Vorgeschichte mit dem Bildungssystem springt mir immer wieder die Angst in den Nacken, dass es Ärger geben könnte, wenn nicht ein Großteil der Aufgaben erledigt wird. Diese Angst ist nicht unberechtigt und dennoch möchte ich sie gern loslassen. Ich übe mich täglich darin einen anderen Umgang zu finden und stehe doch immer wieder an dem Punkt meine Tochter motivieren zu wollen. Vergeblich!

Und so startete ich den Tag heute zuversichtlich, mit Kaffee und guter Laune lies ich die Kids bis 9 Uhr schlafen, servierte jedem ein kleines Frühstücksbüfett und lies die Schulaufgaben unerwähnt. Vorerst! Irgendwann gegen mittag dämmerte mir, dass heute Mittwoch ist und eine – nicht besonders freundliche – Stimme pikste mich mit den Worten: “ Sie hat noch GAR NICHTS gemacht diese Woche!“. Dicht gefolgt von: „Sie hat schon von den letzten Aufgaben nicht mal dir Hälfte!“ Ich also zu meiner Tochter und sie gebeten ihr  Handy dann mal beiseite zu legen, ihre Aufgaben zu holen und mit ins Wohnzimmer zu kommen, damit wir uns gemeinsam (war ihr Wunsch) ransetzen können. Ich badete noch die Kleine und erinnerte dann nochmal. Ein Augenrollen und tiefes Atmen versprachen, dass die Motivation bei ungefähr minus 20 liegt. Ich noch ganz gut gelaunt, tanzte durch den Flur und machte einladende Bewegungen Richtung Wohnzimmer. Lachen durchhallte die Wohnung und die Bettdecke flog beiseite.

„Cool!“ lobte mich eine Stimme im Kopf. Ich zog die Kleine an und holte mir Kaffer Nummer 4. Im Wohnzimmer angekommen rief ich meine Tochter und bekam keine Antwort. Ich zu ihrem Zimmer und auf mein Klopfen ein genervtes: „Was ist?“ und urplötzlich kochte es über. Ohne, dass ich es bemerkte war das Fass blitzschnell gefüllt und jedes Wort meiner Tochter fühlte sich wie ein Angriff an. Und zack „DU MACHST JETZT DEINE SCHEIß AUFGABEN, SONST WERD ICH HIER WAHNSINNIG!“ platzte es aus mir raus. Mit einem Knall vor die Zimmertür ging ich ins Wohnzimmer und widmete mich der Kleinen. Wohlwissend, dass diese Art von Umgang nicht in Ordnung ist, dass es gemein ist, dass ich nicht das Recht habe, so mit ihr umzugehen und auch dass es unserer Beziehung schadet. Doch all dieses Wissen hilft mir machmal einfach nicht. An so vielen Tagen finde ich immer wieder Wege anders damit umzugehen, meinem Frust und meiner Angst anderweitig Raum zu geben und die Notbremse zu ziehen. Aber das gelingt mir nicht immer.

Deswegen finde ich es wichtig, dass wir darüber reden, was uns helfen kann und nicht nur was wir nicht machen dürfen. Wenn wir nicht darüber reden dürfen, dass wir Fehler machen, können wir sie nur schwer verbessern. Wenn wir auf Menschen verbal einschlagen, weil sie sich schlecht verhalten, verändern wir nichts. Im Gegenteil, mich hat das früher eher dazu gebracht, noch tiefer in meiner Wut zu versinken. Das Hinterfragen meiner Bedürfnisse, die Suche nach neuen Strategien und die Stückweise Heilung meiner Traumata sind für mich der effektivste Weg für einen friedvolleren Umgang.